Auf Olaf Stapeldons Sternenschöpfer kam ich durch Henry Gee, der im letzten Kapitel die Menschheit weiterdenkt und dabei Stapeldons Idee aufgreift. Offensichtlich ist er sehr stark von Stapeldon beeinflusst. Stapeldon macht sich erstaunlich detailliert über diese Bereiche des Menschen Gedanken und spinnt daraus vielfältige Lebensformen und Gesellschaften aus.
Was also macht einen Menschen aus, woraus bestehen seine Grundlagen? Wir sind alle Sternenstaub ist vielleicht ein bisschen wenig. Wir sind, was wir denken, auch.
Aus welchen Schichten, aus welchen Ebenen bestehen wir? Wie haben wir uns entwickelt? Das ist nicht chronologisch oder hierarchisch zu sehen. Nichts löst hier einander ab, sondern liegt ihm zugrunde.
Ich habe mal versucht, mir einen Gesamtüberblick zu verschaffen, damit ich zuordnen kann, worüber wir reden, wenn wir über uns reden. Oder zu erkennen, worüber er redet, wenn er redet.
Die Zahlen machen es nur einfacher, die Bereiche zu benennen (ich finde es hilfreich).
- Kosmische Materie und Physik
Woraus wir bestehen. - Chemie und Entstehung des Lebens
Der Stoffwechsel. - Homöostase und körperliche Selbstregulation
Regulation der inneren Zustände. - Affekte und Gefühle als Bewertungssysteme
Gefühle als Konzept über Körperzustand und zur Verhaltenssteuerung. - Sensomotorische Kopplung
Körper im Raum, Bewegung, Orientierung, Propriozeption, vestibulärer Sinn. - Wahrnehmung als Konstruktion
Das vorhersagende Gehirn, Modell der Welt, Vorhersagefehler als treibende Kraft (Überprüfung und Korrektur). - Intersubjektivität und Bindung
Der frühe soziale Austausch, in dem das Selbst überhaupt erst entsteht. - Bildschema und Metapher
Verkörperte Strukturen, die Bedeutung organisieren, vorsprachlich entstanden. - Sprache
Geteilte symbolische Struktur, in der Bedeutung sich stabilisiert und ausdifferenziert. - Selbstmodell und Identität
Das Ich als dynamisches Modell, das sich beschreibt und in einer Geschichte zusammenhält. - Kultur, Institution, kollektive Intentionalität
Die supra-individuelle Ebene, in die das Selbstmodell sich einbettet und von der es geformt wird.
Literatur (falls ich Lust habe, etwas in meine momentane Leseliste einzuschieben):
- Neil Shubin, Das Universum in Dir (Ebene 1)
- Nick Lane, Der Funke des Lebens (Ebene 2)
- Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl (Ebene 3 und 4)
- Marco Wehr und Martin Weinmann, Die Hand – Werkzeug des Geistes (Ebene 5)
- Anil Seth, Being You (Ebene 6)
- Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens (Ebene 7 und 11)
- George Lakoff und Mark Johnson, Leben in Metaphern (Ebene 8 und 9)
- Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel (Ebene 10)
Wenn also jemand redet oder wenn ich über etwas rede, dann muss ich transparent oder mir selbst bewusst machen, welche Ebenen oder Schichten ich in Betracht ziehe (mal muss man sich auf einen Punkt konzentrieren, aber am Ende muss ich die Fäden zusammenfügen).
Und damit natürlich auch: Rede ich nur darüber, was für mich funktioniert oder werde ich der Sache gerecht und den verschiedenen Perspektiven darauf? Rede ich nur noch von mir selbst und in meinen bestätigenden Kreisen und Kontakten oder bin ich an einem Gesamtbild interessiert?
Ganz praktisch kann man prüfen, wenn man über etwas redet oder schreibt, welche Bereiche von 1-11 man überhaupt in Betracht zieht. Wenn Eva Illouz zum Beispiel in Explosive Moderne die Gesellschaft betrachtet, dann zieht sie Ebenen in Betracht, die sonst gar keine Beachtung finden.
Konzentration ist eine Supersache, aber dann ist es eben ein bewusstes temporäres Ausblenden.
Ganz praktisch bedeutet das für mich zum Beispiel: Wenn ich meinen Tinnitus behandel, dann akzeptiere ich nicht, damit zu leben und ihn einfach zu maskieren und akustisch auszublenden. Wenn mein Physiotherapeut sagt: „Bei ihnen habe ich Hoffnung, bei ihnen kann man das therapieren“, dann arbeitet er auf mehreren Ebenen.