Was das Schichtenmodell sichtbar macht

Ausgehend von dem Schichten-Modell, was der Mensch ist, habe ich von Claude ein Tool und daraus ein Plugin schreiben lassen, das analysiert und darstellt, inwieweit eine Sache einen Menschen auf den verschiedenen Ebenen betrifft.

Nachdem ich es getestet habe („Das Album Thriller von Michael Jackson“, „Schwimmen im Hallenbad“, „Artificial Intelligence“) habe ich gemerkt, dass es meinen Blickwinkel, die Perspektive, die Sichtweise auf den ganzen Menschen erweitert, nicht nur das, was mich interessiert oder ich für wichtig halte. Und dass es doch aufschlussreicher ist als ich dachte.

Das liegt auch daran, dass ich Übersichten und Modelle generell sehr hilfreich finde. Eine persönliche Sache.

Es ist wie ein kleines Tool zum Aufmerksamkeitstraining, für Biofeedback.

Aber auch Diskussionen kann man auf verschiedenen Ebenen abfragen, um zu klären, was man eigentlich gerade betrachtet.

Dieses Tool ist nicht dazu da, einem zu sagen, was man tun soll, sondern an sich selbst Fragen zu stellen. Ein Tool zur Selbstbefragung.

Besonders charmant finde ich die Ebenen und die Punkte darauf, also die Landkarte an sich. Besonders interessant ist, wie viel doch in einer Sache steckt.

[schichtenkarte]

Nicht alles würde man genau so gewichten, aber das kann man ja selbst entscheiden und die Analyse nur als Anregung nehmen. Und wenn man es ernst nehmen will, muss man sowieso noch nachrecherchieren. Zu Risiken und Nebenwirkungen … oder: „Claude ist eine KI und kann Fehler machen. Bitte überprüfe die Antworten.“ Die Linien zwischen den Punkten sind auch nur eine grobe Darstellung, aber besser als „hängt irgendwie alles zusammen“. Als Modell darstellen lässt sich das sowieso nicht korrekt und umfassend. Als Gesamteindruck aber schon ziemlich gut.

Beispiele

Schichtenkarte

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen
ReflexionSymbolischVerkörperungOrganismusSubstrat1Kosmische Materie2Chemie / Leben3Homöostase4Affekte5Sensomotorik6Wahrnehmung7Intersubjektivität8Metapher9Sprache10Selbstmodell11Kultur

Ein Phänomen, das biologische Realität mit kultureller Überformung verwebt und auf nahezu allen Ebenen menschlicher Existenz unterschiedlich ausgeprägt und gedeutet wird.

2
Chemie / Lebenstark
Hormonelle Biochemie, Gonadendifferenzierung und reproduktive Physiologie sind konstitutiv verschieden und biologisch grundlegend.
11
Kulturstark
Kulturelle Normen, Institutionen und kollektive Bedeutungssysteme konstruieren, verstärken und bestreiten Geschlechterdifferenz maßgeblich.
3
Homöostasemittel
Unterschiede in Hormonspiegel, Immunsystem und Körperregulation sind messbar und klinisch relevant.
4
Affektemittel
Affektive Stile und emotionale Ausdrucksnormen unterscheiden sich statistisch und sind kulturell verstärkt.
5
Sensomotorikmittel
Durchschnittliche Unterschiede in Körpergröße, Muskulatur und sensomotorischer Entwicklung prägen Raumerleben und Körperschema.
7
Intersubjektivitätmittel
Frühe Bindungsmuster und soziale Spiegelung formen geschlechtliche Identität und relationale Stile von Kindheit an.
8
Metaphermittel
Bildschematische Metaphern wie Stärke/Schwäche, Aktivität/Passivität strukturieren kulturell das Denken über Geschlecht.
9
Sprachemittel
Sprache kodiert Geschlecht grammatikalisch und semantisch und reproduziert so Unterschiede diskursiv.
10
Selbstmodellmittel
Geschlecht ist ein zentrales Organisationsprinzip des Selbstmodells, ohne das Selbstidentität kaum beschreibbar ist.
1
Kosmische Materieschwach
Grundlegende Materie ist identisch, doch chromosomale Konfiguration (XX/XY) ist physikalisch-materiell verankert.
6
Wahrnehmungschwach
Wahrnehmungsunterschiede (z.B. Farbsehen, räumliche Kognition) sind statistisch vorhanden, aber überwiegend gering.

Schichtenkarte

Die Szene in der Serie Afterlife, in der Lenny den Pudding aus Muttermilch isst
ReflexionSymbolischVerkörperungOrganismusSubstrat1Kosmische Materie2Chemie / Leben3Homöostase4Affekte5Sensomotorik6Wahrnehmung7Intersubjektivität8Metapher9Sprache10Selbstmodell11Kultur

Eine radikal körperliche, soziale Grenzüberschreitung, die biologische Intimität mit kulturellem Tabu und komödiantischer Fremdheit verschränkt.

4
Affektestark
Ekel ist hier konstitutiv – ohne den affektiven Schock des Ekels und der Fremdheit wäre die Szene weder komisch noch bedeutungsvoll.
7
Intersubjektivitätstark
Muttermilch ist biologisch an Mutter-Kind-Bindung geknüpft; das Verzehren durch einen Erwachsenen bricht diese intersubjektive Grundstruktur radikal auf.
11
Kulturstark
Das Tabu gegen den Konsum von Muttermilch durch Erwachsene ist kulturell konstituiert – die Szene zieht ihre Kraft aus der Verletzung dieser kollektiven Norm.
2
Chemie / Lebenmittel
Muttermilch ist eine spezifische biologische Körperflüssigkeit mit biochemischer Zusammensetzung, die hier bewusst als Nahrungssubstrat thematisiert wird.
3
Homöostasemittel
Der Körper als Quelle und Empfänger der Substanz ist zentral – Nahrungsaufnahme und Körperflüssigkeit berühren Grenzen des physischen Selbst.
8
Metaphermittel
Nährung, Intimität und Körpergrenze als Bildschemata werden durch die Szene verzerrt und umgekehrt.
5
Sensomotorikschwach
Das Essen selbst als sensomotorischer Vollzug – Kauen, Schlucken – ist peripher präsent.
6
Wahrnehmungschwach
Die Wahrnehmung des Zuschauers konstruiert die Szene als absurd durch den Kontrast erwarteter und erlebter Realität.
9
Spracheschwach
Die sprachliche Benennung – 'Pudding aus Muttermilch' – trägt zur verstörenden Wirkung bei.
10
Selbstmodellschwach
Lennys Selbstbild und soziale Unbekümmertheit werden durch die Szene charakterisiert.

Die Szene mit dem Pudding in Afterlife ist ein schönes Beispiel, auf welchen tiefen und auf wie vielen Ebenen man hier angesprochen ist und in einen Konflikt kommt. Man denkt, das sei schon die Pointe und dann kommt die Steigerung (Brot mit Vaginalhefe gebacken).

Eine Kommilitonin und Freundin von mir hat mal eine Hausarbeit im Rahmen ihres Studiums über Nudeldesign geschrieben. Das fanden wir natürlich erst einmal ziemlich lustig, und sie ist auch sehr lustig, aber als wir sahen, was alles in dem Thema steckt, fanden wir das doch überraschend ernsthaft. Was ich gelernt habe: 1983 hat der Autodesigner Giorgetto Giugiaro die „Marille“ designt. Die erste Designer-Nudel.

Da ich zeitgleich über Parfümflakon-Design geschrieben habe, waren wir zusammen recherchieren und haben uns ausgetauscht. Wir haben beide sehr viel nicht nur über Kultur und Design (was eigentlich der Kern der Betrachtung war), sondern auch über Menschen gelernt, und zwar nicht nur über sein Verhalten, sondern über Schichten, die ganz woanders liegen.

Als ich mit meiner damaligen Freundin das Parfüm-Museum in Grasse besuchte, hatte ich genau dieses Aha-Erlebnis, nämlich zu sehen, wie viel in diesem Thema steckt, dem ich bisher kaum Beachtung geschenkt hatte.

Als echtes Zeugnis der internationalen Geschichte auf technischem, ästhetischem, sozialem und kulturellem Gebiet der traditionellen Verwendung der Düfte behandelt das Museum anthropologisch alle Seiten der Geschichte der Düfte – Rohstoffe, Herstellung, Industrie, Innovation, Großhandel, Design, Anwendung – und in ganz unterschiedlichen Formen – Kunstobjekte, dekorative Kunst, Textilien, archäologische Zeugnisse, einmalige Objekte oder Industrieformen.

Musée international de la parfumerie

Im Prinzip haben wir beim Recherchieren das gemacht, was ich mit dem Tool oben nachgebaut habe, allerdings heute mit viel mehr zugänglicher Information darüber (siehe Literaturliste). Ich muss mich nicht mehr in der Bibliothek an den Mikrofichekatalog setzen.

Menschen waren schon immer komplex und ihre Kulturen immer vielschichtig. Wir vereinfachen das nur, um schneller und effektiver damit umgehen zu können. Aber unser Leben ist (hoffentlich) nicht nur auf Schnelligkeit und Effektivität ausgerichtet.

Gerade wenn man denkt: Na, wenn es doch Spaß macht und gesund ist, dann muss es ja gut genug sein, und merkt, dass Spaß und Gesundheit ziemlich grobe, fast nichts sagende Kategorien sind und man auf der Ebene des Selbstmodells, der Wahrnehmung und der Intersubjektivität sich überhaupt nicht wohlfühlt.

Nehmen wir uns ruhig als komplexes Lebewesen wahr, denn das sind wir, seitdem uns ein Gehirn gewachsen ist. Das sind wir als Menschen.

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