Yoga

Heute war ich im Yoga. Ich mache seit der Pandemie ab und zu Yoga mit einer App, aber viel zu selten und nicht intensiv. Außerdem ist mein Zimmer so eng.

Ich merke, wie ich mich danach sehne, wieder mehr zu mir zu kommen, Ruhe zu finden, Konzentration. Was als Stress diagnostiziert wurde, ist doch vielschichtiger als ich dachte. Der Sympatikus unter ständiger Anspannung entspannt sich nicht mal eben so.

Es war eine sehr entspannende Hata-Yoga-Stunde mit Fokus auf Entspannung und Mediation, genau das, was ich brauchte. Es passt perfekt. Es ist gleich bei mir um die Ecke und nicht so teuer. Ich bin begeistert und freue mich richtig.

Dopamin

Ich denke nicht, dass man abhängig ist von Alkohol oder Dopamin oder Koffein, also nicht süchtig nach dem chemischen Stoff alleine, sondern nach dem Gefühl der körperlichen Reaktion. Ruhe, Entspannung, Euphorie, Hingabe. Das alles bekommt eine Qualität, die man nüchtern nicht erlebt. Man erlebt es anders und das Gehirn denkt sich irgendwas aus, um den nächsten Genuss zu rechtfertigen.

Es ist keine reine chemischen Abhängigkeit. Das wäre wieder nur eine völlig unzureichende Vorstellung vom mechanischen Menschen. Das Nervensystem bildet Gewohnheiten. Das Nervensystem verstehen, heißt den Menschen verstehen.

Dopamin gibt uns das Gefühl, das wichtig ist, was wir gerade erlebt haben. Wir wiederholen die Gewohnheit, weil wir sie für wichtig oder bedeutsam halten.

Man ist also nicht süchtig nach Dopamin, man denkt nur, dass aufregende Ereignisse wichtig oder bedeutsam für einen sind.

Freie Geister – Ursula K. Le Guin

Ursula K. Le Guins „Freie Geister“ habe ich zum zweiten Mal gelesen. Das erste Mal in der Ausgabe, die bei Edition Phantasia rauskam vor fünfzehn Jahren. Das Buch wurde von Karen Nölle neu übersetzt, die ihr den Ton und die Sprache zurückgab, die das Buch hat.

Warum man den Originaltitel „The Dispossessed“ vollkommen vernachlässigte und dem Buch einen anderen Titel gab, weiß ich nicht. Der Titel verschiebt damit allerdings den Fokus vom Materiellen zum Geistigen. Das ist schade, denn eine Neutralität des Titels und die Tiefe des Inhalts schaffen doch gerade einen interessanten Kontrast. Die Gemälde heißen nicht ohne Grund „Eismeer“ und „Die Kartoffelesser“, um deutlich zu machen, dass sich unter der Oberfläche mehr verbirgt.

Das ist keine Kleinigkeit, denn „Freie Geister“ klingt nach einer idealistischen Befreiung und verschiebt den utopischen Idealismus von der Gesellschaftsordnung zum Geistigen. Das ist zeitgenössischer Idealismus. Wenn bloß die richtigen Leute mit den richtigen Gedanken zusammenkommen, dann wird Gutes daraus. Eine gefährliche Verlagerung. Gerade die materielle Härte von Besitz und Entwurzelung und Enteignung, von Verteilung von Nahrungsmitteln, und was das für Haushalt, Beziehung, Freundschaft, Sexualität, Kinder und ihre Bedürfnisse bedeutet, all das wird von Le Guin ganz klar und nüchtern beschrieben. Le Guins Gedanken und Werte klingen an, aber sie bleibt Autorin eines Romans. Der Roman ist weder Parabel noch Gebrauchsanweisung, kein Manifest, dahinter liegt keine heimliche Agenda oder geisteswissenschaftliche Abgehobenheit, die sich der Realität entzieht und Wahrheit für sich beansprucht. Das Wort „truth“ kommt in dem Buch häufig vor und viele suchen sie und wollen sie durchsetzen. Le Guin deckt die Widersprüche auf.

Das Problem unserer Zeit ist, dass man sich auf eine innere Wahrheit zurückziehen möchte, vielleicht sogar notgedrungen muss.

„The Dispossessed“ ist ein bedeutender Roman, der umfassend und multiperspektivisch zwei Gesellschaftsmodelle in all ihren Vor- und Nachteilen beleuchtet. Es ist ambitioniert geschrieben, aber Le Guin scheint sich beim Schreiben selbst zu hinterfragen. Sie ist in der Lage zwei konträre Perspektiven einzunehmen, dazu noch in einer sprachlichen Klarheit und psychologischen und menschlichen Tiefe, die seinesgleichen in den Genres Science-Fiction und Utopie sucht.

Der Untertitel „Eine ambivalente Utopie“ beschreibt den Kern des Buches sehr genau. Zudem ist auch die Science-Fiction-Ebene kein oberflächliches Weltraumabenteuer, sondern eine weitere, metaphysische Ebene, auf der sich die Ideen und Gedanken bewegen. Die Idee der Gleichzeitigkeit und der Kommunikation und des Austausches in einer Welt wird in abwechselnden Kapiteln mit zwei zeitversetzten Strängen erzählt, die sich am Ende verbinden.

Utopische Ideen einer besseren Welt hat es immer gegeben, und jeder Versuch, sie umzusetzen, ist gescheitert. Der Grund ist nicht der Mensch, sondern die einseitige Vorstellung dahinter, die blinden Flecken, das, was man nicht sehen will. Das deckt Le Guin meisterhaft auf und bringt es zutage. Das Thema des 1975 erschienenen Buches ist zeitlos.

Meine Leseliste ist so aufgebaut, dass jedes Buch in Beziehung zum vorigen steht. Ideen, Themen und Perspektiven, die man parallel denken und vergleichen kann, im Sinne einer Multiperspektivität. Le Guin gelingt es, geistreich utopisch zu sein wie Star Maker und zugleich körper- und weltgewandt wie Housekeeping.

Auch „Drop City“ von T.C. Boyle ist in Fragen von Zeitgeist, Gemeinschaft und gelebter Utopie eine interessante Ergänzung.

Wenn wir heute von Freiheit oder einer besseren Welt sprechen, dann sprechen wir von fast neun Milliarden durch Kommunikation miteinander vernetzten Menschen. Genau das formuliert „The Dispossessed“ bereits als utopischen Gedanken. Die Hauptfigur scheint getrieben von der Idee, dass ein Austausch von Gedanken die Menschen zusammenbringt und das Leben verbessert. Dahinter stecken aber noch ganz andere Motive einer frühkindlichen Zerrissenheit. Hinter jedem großen geistigen Gedanken steht auch immer eine nicht selten zerrissene, bedürftige Person.

In der Ambivalenz liegt die Stärke von Le Guins Roman und Gedanken.

Stundenglas

Die eigenen Gefühle, Vorstellungen und Fantasien machen das aus, was man ist, und wenn man das mit jemandem teilen will, dann braucht man dafür ein kleines Wurmloch, einen winzigen Spiegel in die Welt des anderen, das andere Spiegeluniverum. Wie bei einem Stundenglas.

Zwei Menschen können jahrelang nebeneinander leben, ohne dass etwas durch das Wurmloch gelangt. Und ein einzelner kurzer Moment kann plötzlich einen ganzen inneren Kosmos übertragen.

Der enge Durchgang im Stundenglas ist nicht primär ein Kanal für Information, sondern für Resonanz, der seltene Moment, in dem ein anderer Mensch nicht bloß als Objekt im Raum ist, sondern jemand mit eigenem Innenraum.

Da reicht ein einzelnes Sandkorn, und nicht einmal das, weil es nur um den Durchgang geht, das Schlüsselloch.

Alice im Wunderland hat dieses als Grundmotiv.

Haus ohne Halt – Marilynne Robinson

Nach Stapledons Sternenschöpfer, der in den Makrokosmos reist, folgt Haus ohne Halt, das einen Mikrokosmos beschreibt.

In den USA ist Housekeeping bekannter als in Deutschland. Hier gibt edition fünf das Buch heraus, die sich nicht so bekannten Büchern von Frauen widmen.

Robinson passt hervorragend nach Stapeldon, weil es naturverbunden, körperlich und sinnlich ist. Sie hat einen fast biblischen Stil mit klaren, malerischen Sätzen.

Die Geschichte zweier Mädchen, die von ihrer Mutter bei ihrer Großmutter an einem Haus an einem großen See abgegeben werden und nach dem Tod der Großmutter von der Tante betreut werden, ist eng verwoben mit magischen Naturereignissen.

Die beiden Mädchen entwickeln sich auseinander, während Lucille ein geordnetes Leben wählt, bleibt Ruth bei ihrer unsteten, nomadisch lebenden Tante.

Die Grenzen des Ich, des Denkens und Träumens, der Fantasie, der Dinge, der Räume, der Natur verschwimmen und das Leben erscheint wie in einer Symbiose. Naturverbundenheit ohne Romantik, als echtes Leben und Erleben.

Olaf Stapledon – Sternenschöpfer

Olaf Stapledon Roman Star Maker erschien 1937. Manche Erkenntnisse über das Universum waren gerade erst entdeckt.

Das Buch liest sich wie ein Grundlagenwerk für viele Geschichten (Clarke, Lem, Assimov). Er begibt sich auf eine kosmische Reise zum Ursprung, in der er biologische, evolutorische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ideen fantasievoll durchspielt. Er selbst beschreibt wie ein Sternenschöpfer eine Geschichte des Universums, die so mannigfaltig und so gigantisch ist, wie das Leben auf der Erde und das Universum tatsächlich ist. Er spielt mit den Bausteinen des Kosmos und des Lebens.

Er schreibt sachlich und poetisch zugleich, spirituell, aber nie religiös, sein Ideen bleiben nie an einer Vorstellung oder einem Glauben haften, sondern mäandern und pulsieren.

Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl das Buch der Bücher gelesen zu haben.

Ein panpsychistisches Meisterwerk.

Pause

Die letzte Woche war vollgepackt, nicht nur mit Arbeit, auch mit Freizeit. Das war eine extreme Diskrepanz zu der entspannten Urlaubswoche vorher, die aus Spazieren, Schwimmen und Lesen bestand. Die letzte Woche hatte ich Arbeit, Physio und viel zu viel Tanzunterricht. Ballett geht gut, das ist eine ausgefeilte Technik, hinter der ich voll und ganz stehe. Contemporary oder zeitgenössischer Tanz ist unklarer und folgt keinen klaren Stilen mehr. Jeder macht, was er will. Mal ist es Modern, mal Lyrical, Selbstausgedacht, Urban inspiriert. Ich werde eine Pause einlegen, aus mehreren Gründen. Das Gruppengefühl ist nicht mehr da. Ich will Nacken und Knie schonen und vor allem nicht zu viel hektisch lernen. Die Bewegungen sollten sich ästhetisch gut anfühlen. Ich will keine Improvisation. Es wäre toll, wenn ich mal wieder ein bisschen mehr Struktur hätte, keine zu starre Technik, nicht zu hektisch. Man kann auch nett und schön und abwechslungreich zeitgenössich tanzen. Da merke ich natürlich auch den Altersunterschied. Sobald die Tänzerinnen anfangen zu arbeiten oder Kinder zu kriegen, haben sie keine Lust mehr, sich unnötig zu verrenken. Und ich bin sowieso alt. Und auch die, die viel Stress haben oder Kopfarbeit leisten, wollen runterkommen. Es gibt Figuren und Bewegungen, die wirklich Spaß machen und so eine grobe Vorstellung, wie das aussehen könnte, habe ich auch, aber den Unterricht habe ich gerade nicht. Ärgerlich, denn eigentlich will ich eine gute Technik und auch ruhig etwas anspruchsvoller, aber in Maßen und meinem Rhythmusgefühl entsprechend. Vor allem keine gesundheitlich fragwürdige Techniken.

Ich mache eine Contemporary-Pause und probiere es mit Yoga. Das ist nämlich der andere Punkt: Ich muss lernen, runterzukommen. Das ist gerade mein Hauptprojekt in der Freizeit. Das brauche ich gesundheitlich.

Ich schreibe das deshalb hier alles auf, damit ich wirklich etwas ändere.

Dance this mess around

Mein Tanzunterricht hat den Großteil meiner Freizeit der letzten Woche bestimmt. Zusätzlich hatte ich zwei Workshops an zwei Tagen am Wochenende. Das ging körperlich besser als ich dachte, aber trotzdem war mit mir sonst nichts anzufangen. Und irgendwann hat mein Gehirn gestreikt. Auch körperlich habe ich innerlich eine Grenze gezogen. Am Ende hatte ich einfach nur schlechte Laune und versuchte, die Grenze, die ich ziehen muss, klar zu definieren. Aus einem „ohne mich“ muss ich herausarbeiten, was ich nicht mehr machen werde.