Amateurkultur gibt es nicht mehr

Rick Beato bringt es auf den Punkt und spricht aus, was man meistens eher nur so ahnt. Seitdem Plattenlabels nicht mehr in Musiker*innen investieren, sind es nur noch Kinder reicher Eltern, die es in der Musikwelt schaffen, weil ihnen sonst das Geld fehlt, um sich auf die Musik konzentrieren zu können.

Die Kommentare unter dem Video sind auch interessant. Man redet über sowas wenig. Aber die, die in den 80ern und 90ern Musik gemacht haben und heutige Verhältnisse erleben, häufiger. Gerade weil sie merken, dass so eine bestimmte Art von Musik nicht mehr gemacht wird, werden kann und manche Themen eben nicht mehr Inhalte von Songs sind. Der arme Barde. Meine erste „E-Gitarre“ war eine billige, gebrauchte Westerngitarre, an die ich einen Tonabnehmer gesteckt habe und über einen Verzerrer verstärkt. Hätte ich ernsthaft Musik machen wollen, hätte es Möglichkeiten gegeben, aber ich weiß nicht, wie jemand wie Tobias Levin heute Musik machen könnte. Vor allem nicht solche Musik. Das ist Geschichte. Das ist Musikgeschichte. Nicht die Geschichte von Kokain, Amphetamin und Erfolg.

Meine momentanen Instrumente und mein Verstärker sind alles Geschenke von meinen Eltern. Ohne sie könnte ich nicht mal vernünftig in unserer kleinen Band spielen, die bloß ein kleines, privates Neben-Projekt ist. Und meine Instrumente sind wirklich auf dem untersten Niveau, was bei etwa 500 Euro liegt. Ernsthafte fangen die Preise bei 1000 Euro an.

Als ich letztes Jahr das selbsterstellte Demo meines ersten Songs vorstellte (das Interface war ein Geburtstagsgeschenk), war der Workshop-Leiter sofort begeistert und wollte ihn in seinem Studio aufnehmen. Für ein Geld, das ich nictht mal ansatzweise bezahlen konnte. Und dann wofür? Die „Einnahmen“ für Privat-Musiker*innen sind gleich Null.

Selbst wenn ich bloß Youtube nutzen will für diese Songs und es ja eigentlich nichts kostet, ist das bloß noch ein Achselzucken im Algorithmus. Zur Pandamiezeit hatte das kurz mal Aufmerksamkeit. Da hat man nicht nicht einmal das Interpersonelle.

Als ich 1989 nach meiner Schülerband in die Amateur-Band kam, gab es eine bunte, lebhafte Amateur-Band-Kultur mit vielen Auftritten, kleinen Festivals in kleinen Clubs und Demotapes. Teile dieser Band bilden heute unser kleines Trio. Wenn wir irgendwo spielen, bekommen wir etwa hundert Euro, jeder. Das deckt Fahrkosten plus einmal schön Essen gehen, damit sind wir fein. Mit Auftritten kann man also eine schöne Freizeit haben. Das ist nicht zu unterschätzen und nur darum geht es uns. Die Einnahmen unserer Auftritte im Theater gehen komplett ans Theater, weil sein Erhalt uns am Herzen liegt.

Aber das ist Freizeitvergnügen.

Völlig richtig sagt Beato, dass die Kinder von reichen Eltern nicht weniger Talent haben. Es geht nur darum, dass man finanziellem Background braucht, wenn man ernsthaft Künstler*in werden will, und diese Rolle kommt nicht mehr den Plattenfirmen zu, sondern kommt von den Eltern – oft selbst performernde Eltern und aus der Szene kommen, so dass die Kinder das irgendwie „erben“.

Auch Werbung und Verbereitung findet nicht mehr über Plattenfirmen oder Verlagen zu. Das müssen Künstler*innen selbst über ihren Instagramm-Account machen. Wer hier nicht performt, der exisitiert quasi nicht.

Es ist vielleicht ganz gut, das im Hinterkopf zu haben, wenn man denkt, dass Talent und Können die auschlaggebenden Faktoren sind.

Für meine Verhältnisse bin ich reich, reich beschenkt. Ich bin Musiker und Tänzer. Ich habe tolle, völlig ausreichendes Equipment, ich kann mir sehr guten Unterricht leisten und habe wundervolle Gleichgesinnte. Weil das mein Privatvergnügen ist.

Ich habe drei Musikerfreunde, die Geld in ihre Musik stecken.

Einer mit Band, Studioaufnahmen, Veröffentlichungen, eigene Songs. Einnahmen: Null. Paar Cent über Stream. Einer mit Home-Production. Viel Geld in Hard- und Software reingesteckt. Einnahmen: Null. Weiß er auch, ist ihm egal. Privatvergnügen.

Das Publikum sind Freunde.

Einer, der eine Rockabilly-Band hat. Das Konzept geht auf, weil das Genre klar ist. Natürlich alles Cover. Es gibt Festivals, man wird gebucht.

Wer ein bisschen Publikum haben will, bespielt am besten ein Genre, das die Leute kennen.

Als ich am Gardasee war, gab es einen Straßenmusiker, der ziemlich guten Blues spielte, ich kaufte seine zwei CDs im Pop-Cover und recherchierte ihn. Er wirkte, als würde er vom Blues zu leben, ich fragte mich, wie. Ich meine, ernsthaft, wie soll man mit Musik auch nur ansatzweise auf ein Auszubildendengehalt kommen? Vielleicht hat er geerbt. Ich habe mich nicht mit ihm unterhalten und hätte auch nicht gefragt.

Insofern muss man die Überschrift ergänzen: außer, man verbindet sich auf einer anderen Ebene (Lebensgefühl, Identität) und bespielt ein Genre (Gospelchor, Senioren-Pop-Chor, Coverband) oder noch andere Qualitäten (Aussehen, Attraktivität). Da ist aber nicht mehr nur die reine Musik der Träger.

Nehmen wir mal Jazz in seinen Anfängen: Dort ist rein die Musik und nur die Musik das Medium. Irgendwann wird dann ein Lifestyle draus, aber die musikalische Qualität bleibt natürlich. Auch Punk hat sich als musikalische Qualität entwickelt. Hip Hop ebenfalls. Das alles hat aber keine flächendeckende, verbindende Kulutur mehr. Das findet isoliert statt und ist dann praktisch von Null auf Hundert über das Netz hochprofessionell verbreitet, wenn es noch irgendeine Aufmerksamkeit erregt, die in der Gesellschaft andockt.

Da wächst nichts mehr langsam und horizontal. Man ist Rakete oder Rohrkrepierer.

Eigene Musik, die nirgendwo einzuordnen ist, interessiert niemanden. Was in den 80ern ging, geht heute gar nicht mehr.

Rick Beato hat wahrscheinlich recht: sich mit Talent hocharbeiten ging früher, heute nicht mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert